H.B. Nichts – Der Stadtdetektiv
Sein vierter Fall
Nichts muss Federn lassen
Die Stadt ist eine scharfe Klinge, und immer wieder müssen wir Federn lassen.
Ich dachte mir schon, dass etwas mit mir nicht in Ordnung sein konnte, wenn eine Klientin beim Öffnen der Bürotür aufschrie und fortrannte, als müsse sie Bohlen beim Bowlen zuschaun. Ich blickte in den Spiegel und erkannte sofort den Grund.
Ich hatte mich seit schätzungsweise drei Stunden nicht rasiert und war seit zehn Jahren ungekämmt. Ich sah aus wie der Älteste der sieben Zwerge. Es war wieder mal Zeit für David Palaver. Sein Haarstudio befand sich zwei Straßen weiter.
Auf dem Weg dorthin kam ich an einem Kyrillischen Restaurant vorbei. Vor dem Laden stand ein Schild: „Unsere Kyrill-Spezialitäten. Für Kleine hungern!“ Was mich anging, ich würde nicht mal für Große hungern. Trotzdem riskierte ich einen Blick in das Innere. Wozu war ich Stadtdetektiv.
Der Laden sah aus wie alle Kyrillischen Restos: Fußhohe Tische, auf denen kleine dicke Kerzen in roten Plastikverkleidungen still vor sich hin schmolzen, die Wände voller Heiligenbilder, Jesus und seine Brüder und vor allem seine allein erziehende Mutter mit einem goldenen Heiligenschein, den man in Kyrillien vom Präsidialamt bezahlt bekommt. Soweit so. Aber wo waren die Gäste? Wo das Personal? Wo die Küche?
„Challo!“, rief ich. „Jemmand zu Chause?“
In der nächsten Sekunde spürte ich etwas Kaltes, Hartes im Schritt. Die stahlharte Hand an meinem Organ zog sich zu wie ein Schraubstock, doch ich winselte nur leise. Vor mir stand eine blonde Frau in getigerter Uniform nach Art der Hosaken.
„Hallo“, sagte sie, ohne Akzent, aber auch ohne loszulassen. „Ich bin die Kalaschnikowa. Und jetzt verzieh dich, Schnüffler, bevor ich deine Möhre zu Brei verarbeite.“
Die Stadt zeigte sich mal wieder von ihrer herrlich direkten Seite, ich für mein Teil kann damit umgehen. Ich orderte einen Krankenwagen und ließ mich die letzten Meter bis zu David Palaver kutschen. Trotzdem hatte ich das ungute Gefühl, dass mir jemand gefolgt war.
„Mensch, der gute alte H.B. Nichts!“, begrüßte mich Palaver. Der Laden war kundenfrei, und Palaver knüpfte gerade ein seltsames Büschel aus nutellabraunen Haaren, die er vom Boden auflas.
Ich ließ mich vorsichtig in einem Sessel nieder und blätterte in der neuesten Porn. Wieder hatte ich das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden.
Ich sagte: „Was tust du, David?“
„Bin gleich fertig, H.B.“, versicherte er. Nach zwei Jahren drehte er sich zu mir um. Er zeigte mir das fertige braune Haarteil, gerade mal so groß wie eine Kuhschwanzquaste. Es roch wie das Männerklo einer Autobahnraststätte, wenn die Spülung versagt.
„Das hier“, raunte er mir zu, „sind die Achselhaare einer sehr bekannten Persönlichkeit.“ Er schaute sich prüfend um, und ich fürchtete, er hatte allen Grund dazu. „Weißt du auch, von wem?“, freute er sich.
Leider zu früh. Im nächsten Moment kam sie hereingestürmt, in ihrer kyrillischen Hosaken-Uniform, in der Hand eine vergiftete Verordnung des Bundesratsausschusses gegen die umweltverachtende Entsorgung schweißkontaminierter Achselhaare.
Es war die Kalaschnikowa. Mit einem wilden kyrillischen Kampfschrei, der so viel wie ‚Ruhe!’ oder ‚Still!’ bedeuten musste, stopfte sie Palaver das Papier in den Rachen und schob es bis hinauf in sein überdimensioniertes Sprechzentrum. Dann entriss sie ihm die ätzende Haarquaste der bedeutend unter den Achseln schwitzenden Persönlichkeit und verschwand so elefantös, wie sie hereingestampft war.
David Palaver schwieg. Nie mehr würde er etwas sagen können. Und das war sehr angenehm, wie ich feststellte, als er sich endlich meinen Kopf vornahm. Wenn man schon Federn lassen muss, dann wenigstens in Ruhe.