miniMAX – Geschichten für Kinder
miniMAX 17
Streit im Schulhof
Katharina und Menal sind Freundinnen.
Sie wohnen im selben Haus. Sie spielen oft zusammen. Im Hof oder in ihren Zimmern. Seit Neuestem gehen sie auch in dieselbe Schule. Sie sitzen sogar nebeneinander. Ihre Klasse ist die 2A.
Doch an diesem Morgen streiten sie sich.
Es ist große Pause. Menal und Katharina haben sich aus dem Spielehäuschen den Roller ausgeliehen.
„Ich fahre zuerst eine Runde und dann du, ja?“, schlägt Katharina vor. Menal ist einverstanden.
Katharina fährt eine große Runde um den ganzen Hof. Immer hart am äußersten Rand entlang. Nur dort darf sie mit dem Roller fahren.
Sie fährt langsam. Sehr langsam. Zu langsam, findet Menal.
‚Gleich ist die Pause zu Ende und ich konnte nicht fahren‘, ärgert sie sich. Sagt aber nichts.
Jetzt bleibt Katharina auch noch stehen. Sie stellt ein Bein lässig auf das Rollerbrett und redet mit Steffi.
Menal rennt hin.
„Jetzt darf ich fahren, Katharina!“, fordert sie den Roller und streckt die Hand danach aus.
„Nein, meine Runde ist noch nicht ganz fertig“, beharrt Katharina und hält den Lenker fest in den Händen.
Steffi lacht verlegen. Sie will sich nicht einmischen.
„Gib her“, fordert Menal in lautem Ton. Sie findet das gar nicht zum Lachen und versucht, den Lenker an sich zu reißen.
Aber Katharina hält den Roller eisern fest.
„Lass los, Menal!“, brüllt sie.
„Ich bin jetzt dran!“, kreischt Menal wütend.
„Hört doch auf“, sagt Steffi und schüttelt den Kopf.
Auf einmal kippt der Roller zur Seite und Katharina stürzt mit. Sie hält sich das Knie und brüllt Menal wütend an:
„Siehst du, was du getan hast! Mein Knie blutet.“
Menal bekommt einen Schreck. Tatsächlich, Katharinas Knie ist rot und abgeschürft. Aber nach Blut sieht es zum Glück nicht aus.
In diesem Moment steht plötzlich jemand Neues neben ihnen. Keine Lehrerin. Nein, sondern ein großes dunkelblondes Mädchen mit braunen Augen.
Es war Steffi, die das Mädchen zu Hilfe gerufen hat. Sie hat eine weiße Schirmmütze auf dem Kopf. Darauf steht in großen leuchtend gelben Buchstaben: STREITSCHLICHTERIN.
Sie reicht Katharina die Hand und hilft ihr auf.
„Hast du dir weh getan?“, fragt sie. Katharina nickt.
„Bei Frau Blume im Sekretariat bekommst du ein Pflaster“, sagt die Streitschlichterin.
Katharina starrt das große Mädchen an. Die sieht cool aus mit ihrer Mütze, findet sie.
„Ich bin Kim aus der 6A“, sagt das große Mädchen. „Warum streitet ihr euch denn?“, will sie wissen.
Menal und Katharina sehen sich an. Und schweigen.
„Sie streiten sich um den Roller“, erklärt Steffi an ihrer Stelle.
„Aha“, sagt Kim, die Streitschlichterin. „Und streitest du auch mit den beiden um den Roller?“, will sie von Steffi wissen.
Steffi schüttelt den Kopf.
Jetzt legt Menal los. Sie will den Streit erklären.
„Ich war an der Reihe. Aber Katharina wollte mir den Roller nicht geben.“
„Gar nicht wahr!“, protestiert Katharina. „Ich war noch nicht fertig mit meiner Runde.“
„Aber nur, weil du mit Steffi gequatscht hast“, schimpft Menal.
„Stimmt das?“, fragt die Streitschlichterin Katharina. Sie tut es freundlich und ruhig und ernst.
Katharina schaut das große Mädchen wieder aufmerksam an. Das hätte sie nicht gedacht, dass ein Mädchen aus der 6A sich für sie, Katharina und Menal aus der 2A, interessieren würde. Auf einmal ist sie gar nicht mehr böse auf Menal. Und das Knie tut auch kaum noch weh.
„Ich glaube, Menal hat Recht“, antwortet sie schließlich. „Eigentlich ist sie jetzt dran mit Rollerfahren.“
„Okay“, lacht Kim jetzt. „Dann ist ja alles klar.“ Sie dreht sich um und geht zu einem großen Jungen. Er trägt ebenfalls eine weiße Streitschlichter-Mütze. Er versucht anscheinend gerade, einen Streit zwischen zwei Jungen aus der 2B zu schlichten.
Katharina, Menal und Steffi schauen der Streitschlichterin nach.
„Wenn ich in der Sechsten bin“, sagt Katharina, „will ich auch Streitschlichterin werden.
„Ich auch“, sagt Menal. Steffi dagegen zuckt die Achseln. Sie weiß es noch nicht, ob ihr das Streitschlichten gefallen würde.
Aber jetzt will Menal endlich Roller fahren. Ihre Augen leuchten, als sie den Lenker in die Hand nimmt.
„Los, steig auf, Katharina“, sagt sie. „Ich fahr dich zu Frau Blume.“
Katharina lacht.
„Nein danke, ist nicht so schlimm“, sagt sie.
Menal zuckt die Achseln und saust los.
In der nächsten großen Pause sitzen Katharina und Menal unter dem großen Ahornbaum im Hof. Diesmal haben Steffi und Jens den Roller bekommen. Jetzt sitzen die beiden auf der schmalen Holzbank und essen ihre Schulbrote.
Katharina starrt dabei immerzu über den Hof. Sie beobachtet Kim. Das große Mädchen aus der 6A.
Die Streitschlichterin, die sich in der letzten Pause Zeit für sie genommen hat.
Nur für ihren Streit.
Im Moment lehnt sie hinten an der roten Backsteinfassade der Schule. Sie quatscht mit dem großen Jungen, der ebenfalls Streitschlichter ist.
„Schade“, sagt Katharina auf einmal zu Menal. „Schade, dass wir gerade keinen Streit haben.“
„Wieso?“ Menal starrt ihre Freundin verblüfft an.
„Na, ist doch klar“, ruft Katharina aus. „Weil dann Kim käme, um ihn zu schlichten. Verstehst du: Sie käme nur zu uns!“
Menal muss lachen. Sie weiß, was Katharina meint.
„Trotzdem“, sagt Menal aber dann. „Ich will mich jetzt nicht mit dir streiten.“
„Ich aber“, gibt Katharina zurück und lacht. Und auf einmal fängt sie an, Menal zu kitzeln. So heftig, dass Menal hintenüber in den Sand fällt.
Da lässt sich auch Katharina kreischend in den Sand fallen.
„Ist das dumm!“, schreit Menal. Aber sie quietscht und kreischt, als Katharina sie jetzt weiter kitzelt.
In diesem Moment schaut Steffi von ihrem Roller aus zu den beiden hinüber. Sie erschrickt, als sie die beiden auf dem Rücken liegend im Sand entdeckt. Und sie fährt sofort mit ihrem Roller los ...
Katharina und Menal haben sich inzwischen ausgelacht und rappeln sich hoch. Sie setzen sich wieder auf die Holzbank. Da steht plötzlich ein bekanntes Gesicht vor ihnen. Es ist Kim. Neben ihr steht Steffi, den Roller in der Hand.
Im ersten Moment sind beide Mädchen sprachlos.
„Alles okay?“, fragt Kim in ihrer ruhigen Art.
„Alles okay“, bestätigt Menal. „Kommst du jetzt auch schon, wenn wir uns nicht streiten?“, wundert sie sich.
„Das kapier ich nicht“, sagt Kim, muss aber trotzdem lachen.
„Das brauchst du auch nicht“, antwortet Katharina. „Du musst nur versprechen, dass du unseren nächsten Streit schlichtest!“
„Wisst ihr denn jetzt schon, dass ihr euch streiten werdet?“, wundert sich Kim noch mehr.
„Das wissen wir sogar ganz genau“, sagt Katharina laut und bestimmt. Und Menal nickt bekräftigend dazu.
„Versprochen, ich schlichte euren nächsten Streit, geht klar“, sagt Kim und gibt den beiden ihre Hand drauf.
© Herbert Beckmann, 2007